Am Samstag den 9. April marschierte
die Partei „Der III.Weg“ durch Ingolstadt. Dies ist ein doppeltes Ärgernis,
einerseits weil die pure Existenz dieser Partei eine Beleidigung für jeden
normal-denkenden Menschen darstellt, andererseits weil es damit „Nationale
Sozialisten“ (so die Eigenbezeichnung dieser Typies) wagen, am Jahrestag der
Ermordung von Georg Elser[1] ihre
Parolen herumzuschreien. In ganz Bayern veranstaltete das Weglein Umzüge im
Rahmen eines „antikapitalistischen“[2]
Aktionstages. Konkret sah dies so aus, dass Grüppchen aus drei vier Leuten,
angeführt von Rechtsterroristen wie Martin Wiese, ein paar ausländerfeindliche
Parolen krakelten und dann wieder Leine zogen. In Ingolstadt sollte dann die
Schlusskundgebung dieses Aktionstages stattfinden, zu der Ewiggestrige aus ganz
Bayern angereist kamen.
Antifaschistische Kreise aus
Ingolstadt hatten leider erst spät von diesem Plan der Faschisten erfahren, und
deswegen nur äußerst kurz Zeit Gegenprotest zu organisieren. Eva
Bulling-Schröter (MdB DIE LINKE) und Joachim Siebler von den Grünen ist dabei
explizit zu danken, dass sie zwei Gegenkundgebungen nahe der Nazi-Route
kurzfristig anmeldeten. Dennoch: Es blieb, als ich nachmittags zum
Kundgebungsort am nördlichen Brückenkopf ging, ein flaues Gefühl: Hatte die
kurze Zeit gereicht, um genug Ingolstädterinnen und Ingolstädter zu
informieren? Würden ausreichend Menschen anwesend sein, um lautstark Widerstand
zu leisten.
Ich hatte meine Zweifel.
Und wurde von unserer Schanz eines
besseren belehrt.
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KJI und KPT vereint! |
Schon als ich am Brückenkopf ankam,
war die Geräuschkulisse einfach unglaublich. Hunderte Ingolstädterinnen und
Ingolstädter hatten sich dort postiert um den Naziweglein auf seinen Platz zu
verweisen. Neben Mitgliedern der Partei DIE LINKE und Bündnis90/Die Grünen sah
ich Gewerkschafter, Familien mit ihren Kindern, alte Menschen, Schülerinnen und
Schüler, Leute, die sich einfach so dazugestellt hatten, und natürlich in
beeindruckender Stärke: Meine Genossinnen und Genossen aus LaRa Ingolstadt, KPT
Ingolstadt und natürlich der KJI, die mit dem Banner: „Potsdamer Abkommen[3] umsetzen
– Faschistische Parteien und Organisationen verbieten!“ und
Flugblattverteilungen klare Akzente setzte. Insbesondere unser Redner kam sehr
gut an. Seine Feststellung, dass die faschistische Gefahr nicht nur von ein paar "Nazizombies", sondern auch und gerade aus der sog. Mitte der Gesellschaft droht, fand großen Anklang. Klar und deutlich (und unter viel Applaus) legte er dar, wie die etablierten, bürgerlichen Parteien, wie gerade CSU und AfD den autoritären Staatsumbau in Richtung Faschismus vorantreiben.

Und dann, mit großer Verspätung (so
viel zur deutschen Pünktlichkeit) kamen endlich die Nazis.
Ein tristes kleines Grüppchen grießgrämiger Leutchen, von
denen wohl viele mit dem Ausdruck „gescheiterte Existenz“ gut charakterisiert wären.
Die Präsenz der Gegendemonstranten beeindruckte sie sichtlich und man sah schon
zu Beginn den ein oder anderen braunen Mundwinkel nach unten fallen, angesichts
des massiven Hasses der Schanzer, der den Rechten da entgegenschlug. Vielleicht
schwante da schon dem ein oder anderen Nazis, dass diese Demo ein
Spießroutenlauf werden würde.
Denn in der Tat, kaum hatte es der
Dritte Weg (fast alle kamen von außerhalb) gewagt zu rufen „Unser Ingolstadt
bleibt deutsch“ kannte die Schanz kein Halten mehr. Jung und Alt, Autonomer und
Sozialdemokrat, Kommunist und Grüner rannten spontan, ohne Absprache und Koordinierung,
von einer Welle der antifaschistischen Wut getragen dem Häuflein hinterher. Es
gelang uns, sie am Schlifflmarkt zu stellen: Aberhunderte Schanzerinnen und
Schanzer versammelten sich an und auf der Route des (dazu gleich mehr) von gepanzerten Polizisten
geschützten Zug des Wegleins. Immer mehr Bürgerinnen und Bürger kamen hinzu,
Passanten, ja selbst Ladenbesitzer aus der Innenstadt schlossen sich uns an und
erstickten die Nazis in einem nahezu unerträglichen Pfeifkonzert. Von allen
Seiten erschallte es aus der Innenstadt der Schanz: „Nazis raus“ und
irgendwann, als bereits die Mundwinkel bei den bereits jetzt nervlich
zerstörten Faschisten zitterten, auch durchaus härtere Parolen, die von allen
mitgetragen wurden. „Stalingrad war wunderbar, Naziopa blieb gleich da“ war
dabei noch eher harmlos.
Irgendwann, wie sollte es anders
sein, wurde die Blockade von der Polizei aufgehoben und die Blockierer (Hoch solln sie leben!) weggetragen. Team Adolf konnte also wieder marschieren. Ein paar
Meter zumindest.
Denn die Ortskenntnis der
Schanzerinnen und Schanzer verhagelte es ihnen wieder. In alle Richtungen
schossen die Ingolstädter los, quer durch die Innenstadt, der Hopper, aus dessen
Handy Haftbefehl dröhnte, neben gesetzten Gewerkschaftern, der Antifa neben dem
normalen Ingolstädter Durchschnittsbürger, und ich mitten drin, in einem Strom
aus Menschen. Bald gab es überall in der Stadt Blockaden, spontane Kundgebungen
und Versammlungen. Die Nazis marschieren über die Haderstraße? Plötzlich
tauchen Barrikaden aus Bauschutt auf! Die Nazis wollen auf die Proviantstraße? Geht nicht, Kommunisten und Anarchisten blockieren sie. Die Nazis machen
kehrt, um über die Schlosslände zum Paradeplatz zu kommen? Geht höchstens drei Meter,
denn dort stehen plötzlich wieder hunderte Ingolstädterinnen und Ingolstädter,
unterstützt von Fußballfans, die gerade vom Spiel kamen, um unser
Gewerkschaftshaus vor den Faschisten, die davor eine Kundgebung abhalten
wollten, zu schützten.
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Die Südtribüne sagt, was Sache ist! Danke! |
Bockig blieben die Rechten also am Eingang zum Paradeplatz, auf den wir sie nicht ließen, stehen, um ihr Gesabbel vorzutragen. Wieder und wieder gingen aber die Versuche
der Rechten, sich irgendwie Gehör zu verschaffen im gerechten Zorn der Stadt
unter. Längst hatte sich zu diesem Zeitpunkt die anfangs penibel eingehaltene
Marschordnung der Nazis aufgelöst. Desillusioniert hingen ihre Schilder und
Banner am Boden, auch die Fahnen waren da, wo sie hingehören: im Schmutz der
Straße! Aus dem geplanten, heroischen Aufmarsch war eine pathetische
Lächerlichkeit geworden, der fast schon amüsierte Schanzer aus hunderten Kehlen
zuriefen: „Keiner hat euch lieb!“. Schließlich trollte sich das braune
Häuflein, das an diesem Tag die Schanz nicht erobern konnte.
Ich persönlich muss sagen, dass ich
stolz auf mein Ingolstadt bin. Die ganze Stadt hat gezeigt, dass in ihr mehr
steckt, als das provinzielle, reaktionäre Nest, das es, dank der offiziellen
Politik von CSU und FW oft genug ist. Insbesondere bin ich aber auch stolz, so
großartige Genossinnen und Genossen zu haben, denn ohne LaRa und KJI und ohne
unsere Freundinnen und Freunde von der Ingolstädter Südtribüne und Gio, wäre dieser Protest nicht so
massiv, die Niederlage der Nazis nicht so grundlegend gewesen.
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Die Faschos geschützt von der Polizei, kommen und kommen einfach nicht weiter. Der Weg auf den Paradeplatz zum Gewerkschafthaus bleibt ihnen versperrt. Beachtet, btw. in welche Richtung die Polizisten schauen. |
Dennoch sollten wir auch nicht
vergessen, dass auch die Nazis an diesem Tag Schutz genossen: Immer wieder war
es die Polizei, die ihnen den Weg freiräumte, ihr Marschieren ermöglichte.
Grundlos wurden dabei 6 Menschen verhaftet, andere gekesselt oder verprügelt,
bloß weil sie es wagten, Transparente gegen die Faschisten zu halten. Unsere
Solidarität jedenfalls gilt den Verhafteten. Auch gestattete es das notorische USK
Faschisten zumindest einmal aus der Demo in die Reihen der Gegendemonstranten
auszubrechen, was aber, aus Sicht der Faschisten, letztlich keine gute Idee
war. Unter anderem konnten den Angreifern ihre Protestschilder entrissen
werden.
Doch schlimmer noch fand ich die
erschreckende Abwesenheit der „Väter der Stadt“. Abgesehen von Eva
Bulling-Schröter als MdB und einigen Stadträten von Grünen und ÖDP sah ich keinen
Stadtrat, geschweige denn den lieben Herrn Bürgermeister. In anderen Städten
ist es üblich, dass die Stadt Neofaschisten mit antifaschistischen Grußbotschaften
begrüßt oder Bürgermeister und Stadträte wenigstens geschlossen zur
Gegenkundgebung gehen. Doch in Ingolstadt scheint es die Mehrheit des
Stadtrats, der ja angeblich für uns da sein soll, nicht zu jucken, wenn
Schanzerinnen und Schanzer die Stadt gegen Faschos verteidigen. Und so wollen
wir mal die zahlreichen Abgeordneten von SPD, CSU, BGI, FDP und FW mal fragen,
wo sie denn an diesem Sonntag waren? Während eure Wählerinnen und Wähler ein
deutliches Zeichen setzen, kommt ihr eurer Pflicht, nämlich die Stadt zu
schützen, nicht nach! Man darf sich schon fragen, warum ein OB es zwar zur Simulation des Europaparlaments im Katharinen-Gymnasium, nicht aber zu einer riesigen Kundgebung gegen Nazis schafft.
Ich finde das erbärmlich! Genauso,
wie die miesen Artikel in der Lokalpresse, in der wir Gegendemonstranten als
gewaltbereit verunglimpft werden. Statt klar Position gegen den Faschismus zu
beziehen, kommen in DK und IngolstadtToday Artikel in der Art „Böse Linke behindern
harmlose Demo“. Auch hier muss man sich fragen, in welcher Stadt man eigentlich
lebt.
Dennoch: Die normalen Ingolstädter
Bürgerinnen und Bürger haben an diesem 9.April Georg Elser alle Ehre gemacht!
Und das immerhin stimmt mich zuversichtlich! Ihnen allen gilt mein Dank!
Antifaschismus endet nicht bei Anti-Nazi-Demos. Wir rufen euch alle auf: Kommt am 15.4. zu unserem Vortrag über das Bayerische Integrationsgesetz (Vronis Ratschhaus, 18:30) und am 16.04 um 14:00 Uhr zu unserer Demo gegen Rassismus und Faschismus (Startplatz: Vorplatz vor Franziskanerkirche).
Fotos: (c) privat
[1] Georg
Elser war ein überzeugter Antifaschist und marxistischer Arbeiter, der 1928 Mitglied
des Rotfrontkämpferbundes geworden war und dann später der Antifaschistischen
Aktion beitrat. 1939 verübte er im Bürgerbräukeller, dem Münchener Stammlokal
der Nazis, einen Anschlag auf Hitler, dem dieser nur knapp entkam. Elser wurde
in Folge gefasst, 6 Jahre lange gefoltert und gequält und dann kurz vor
Kriegsende erschossen. In meinen Augen ist Elser einer der größten Helden des
deutschen, linken Widerstands gegen den Faschismus.
[2]
Antikapitalismus und Sozialismus sind international! Verwenden Faschisten diese
Wörter, so heißt das nur, in den Worten des Kängurus: „Ich als Deutscher habe
das Recht, von Deutschen ausgebeutet zu werden.“ Oder anders gesagt: „Nationaler
Sozialismus? Am Arsch!“
[3] Kurz
gesagt: Ein Abkommen zwischen den Alliierten nach der Niederwerfung
Hitlerdeutschlands, das u.a. das Verbot aller faschistischen Organisationen und
ihrer Betätigung vorsieht.
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